Das Haus ohne Augenbrauen
Das »Looshaus« auf dem Wiener Michaelerplatz sorgte schon vor seinem Bau für Aufruhr in der Kaiserstadt. Heute, 100 Jahre nach der Eröffnung, ist es Ziel Kulturinteressierter aus aller Welt.
Planung und Aufruhr
Hatte man sich gerade von dem Jugendstilarchitekten Otto Wagner erholt, sah man sich jetzt plötzlich einer noch viel radikaleren Bauweise ausgesetzt. Der junge Architekt, der das "Konkurrenzwesen" als den "Krebsschaden unserer heutigen Baukunst" bezeichnete, war sich auch sicher, "daß niemals der beste Baukünstler prämiert, sondern das Projekt zur Ausführung gelangt, das dem momentanen Empfinden am nächsten kommt". Der Architekt, der seiner Zeit nur um fünf Jahre voraus sei, "hat daher bei einer Konkurrenz keine Chancen." Und Loos lässt an den Entwürfen seiner Mitbewerber auch sonst kein gutes Haar.
Im Sommer 1909 entstehen Loos' erste Pläne, die von seinen Aufenthalten in den USA und in London geprägt sind und in krassem Kontrast zum Historismus "benachbarter" Bauten stehen – und er wählt die in den US-Metropolen und der britischen Hauptstadt explodierende "Skelettbauweise in Eisenbeton" und die damit verbundenen gestalterischen Möglichkeiten. Den Einreichplänen vom 11. März 1910 erteilt der Wiener Stadtrat vorerst die Bewilligung – es folgen einige bautechnische Änderungen, die in weiteren Einreichungen münden. Auch diese werden bewilligt, darunter auch jene Fassung, die eine Gestaltung der Fassade mit Mäanderstreifen und Quaderverputz vorgesehen hatte.
Als dann im September 1910 die Fassade fertig verputzt ist, tönt ein Aufschrei durch die Massen: sie entspricht nicht den genehmigten Plänen. Das Stadtbauamt Wien ließ nicht lange auf sich warten und kurz darauf musste der Bau eingestellt werden. Zeitungen traten in Aktion, die Wiener hatten einen neuen "Schauplatz". Die Christlichsozialen im Gemeinderat geißeln das "Looshaus" in einem Schreiben an den Bürgermeister: "… Unter den vielen Privatbauten … hat keines soviel Ärgernis erregt … Es ist wie ein Spott gegenüber dem Meisterwerk Fischer von Erlachs, ein solch geschmackloses … Gebäude auszuführen." Darauf die Antwort von Bürgermeister Josef Neumayer: "… Es wird Sache des Magistrates sein, daß die Herstellung der definitiven Fassade in einer Weise erfolgt, daß durch dieselbe keine Verunzierung des Strassenbildes eintritt."
Und nun beginnt die bürokratische Maschinerie erst richtig zu laufen, Kommissionen tagen, terminierte Auflagen geben bekannt, wie die Fassade auszusehen hat. Doch: Loos hatte nicht nur Gegner, sondern auch Freunde: das Dreigestirn Karl Kraus, Peter Altenberg und Adolf Loos. Karl Kraus schrieb denn auch in der "Fackel": "Der Verschweinung des praktischen Lebens durch das Ornament, wie sie Adolf Loos nachgewiesen hat, entspricht jene Durchsetzung des Journalismus mit Geistelementen, die zu einer katastrophalen Verwirrung führt. Die Phrase ist das Ornament des Geistes. Adolf Loos und ich, er wörtlich, ich sprachlich, haben nichts weiter getan als gezeigt, dass zwischen einer Urne und einem Nachttopf ein Unterschied ist und dass in diesem Unterschied erst die Kultur Spielraum hat."
Mai 1911. Adolf Loos, kommt von einer Reise aus Algier zurück und erfährt zu seinem Entsetzen, dass die Baubehörde einen Wettbewerb für die Neugestaltung der Fassade ausgeschrieben hat. Doch diesmal legt sich die "Gesellschaft österreichischer Architekten" ins Zeug und fordert eine Boykottierung. Daraufhin wird der Wettbewerb tatsächlich eingestellt. Adolf Loos bekam Magenschmerzen, die so arg waren, dass er sogar ein Sanatorium aufsuchte. Wen wundert's in Anbetracht folgender Aussagen, die die Presse von sich gab – und die geben nur einen Bruchteil der Häme wieder, die Loos zu ertragen hatte:
- … als würde man auf ein geöffnetes Kanalgitter blicken,
- … ein Kornspeicher mitten in der Stadt,
- … ein Haus ohne Augenbrauen,
- … die Mistkiste am Michaelerplatz,
- … höchste Blüte der geistigen Perversität,
- … Missgeburt,
- … Gefangenenhaus,
- … wer hat diese verrückte Idee gehabt,
- … wir können nur klagen und jammern,
- … ein Armeleutestil auf einen Parvenuestil gepfropft,
- … um den Michaelerplatz ist es geschehen,
- … unanständige Nacktheit,
- … ein richtiges Dilettantenstückchen.




