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Das Haus ohne Augenbrauen

Das »Looshaus« auf dem Wiener Michaelerplatz sorgte schon vor seinem Bau für Aufruhr in der Kaiserstadt. Heute, 100 Jahre nach der Eröffnung, ist es Ziel Kulturinteressierter aus aller Welt.

Drei Ebenen auf einen Blick: von der zweiten Ebene des Mezzaningeschosses erreichte man die Anproberäume und die Schneiderei.

Loos verteidigt sein Haus

Im Oktober 1911 lässt Loos für kurze Zeit ungenehmigt Blumenbehälter an der Fassade anbringen. Einen Monat später kam es zu einer öffentlichen Volksveranstaltung unter dem Titel "Mein Haus am Michaelerplatz", bei der er vor etwa 2000 Bürgern sein Bauwerk verteidigte: "Der moderne Mensch, der durch die Strassen eilt, sieht nur das, was in seiner Augenhöhe ist. Niemand hat heute Zeit, Statuen auf Dächern zu betrachten. Die Modernität einer Stadt zeigt sich im Strassenpflaster. Um beim Hause auf dem Michaelerplatz Geschäftshaus und Wohnhaus zu trennen, wurde die Ausbildung der Fassade differenziert. Mit den beiden Hauptpfeilern und den schmäleren Stützen wollte ich den Rhythmus betonen, ohne den es keine Architektur gibt. Die Nichtübereinstimmung der Achsen unterstützt die Trennung. Um dem Bauwerk die schwere Monumentalität zu nehmen und um zu zeigen, dass ein Schneider, wenn auch ein vornehmer, sein Geschäft darin aufgeschlagen hat, gab ich den Fenstern die Form englischer Bow-windows, die durch die kleine Scheibenteilung die intime Wirkung im Innern verbürgen. Der praktische Wert dieser Scheibenteilung ist das Gefühl der Sicherheit, das sie gewähren. Man fürchtet nicht, aus dem ersten Stock auf die Strasse zu stürzen."

Der Journalist Raoul Auernheimer schrieb über das Haus, es blicke finster und grämlich drein und zeige die glattrasierte Visage, in der kein Lächeln wohnt, und das sei vermutlich ein Prinzip, weil auch das Lächeln ein Ornament sei. "Ich finde die glattrasierte Visage Beethovens, in der kein Lächeln wohnt, schöner als alle lustigen Spitzbärte der Künstlerhausmitglieder. Ernst und feierlich sollen die Wiener Häuser dastehen, so wie sie immer ernst und feierlich ausgesehen haben. Genug der Gschnasfeste, genug der Scherze! Früher traten die Häuser, in deren Mitte ein Monumentalbau stand, im Stile und in ihrer Art bescheiden zurück. Es waren schmucklose Bürgerhäuser. Eines sprach, die anderen schwiegen. Jetzt aber schreien alle diese protzigen Bauten durcheinander und man hört keinen."

Am 29. März 1912 beschließt der Stadtrat, auf die von ihm geforderte Version der Fassade zu verzichten ... sie bleibt erhalten, so wie sie Loos wollte.

 

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