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Das Haus ohne Augenbrauen

Das »Looshaus« auf dem Wiener Michaelerplatz sorgte schon vor seinem Bau für Aufruhr in der Kaiserstadt. Heute, 100 Jahre nach der Eröffnung, ist es Ziel Kulturinteressierter aus aller Welt.

Nach oben hin begrenzen Glaskacheln den Raum zum Innenhof und bieten durch Spiegel verstärktes Tageslicht für die geschwungenen Treppen.

Das Interieur

Man betritt das vornehm und prachtvoll ausgestattete Geschäftslokal vom Michaelerplatz aus, das seit 20 Jahren der Raiffeisenlandesbank Niederösterreich-Wien als Filiale dient, geleitet durch zwei symmetrisch angeordnete, gerundete Glasvitrinen, die eine begleitende Führung zur Treppe hin bilden. Durch diese Aufteilung sollte der Kunde des exklusiven Herrenmodengeschäfts einerseits unbewusst zum Betreten des Obergeschosses eingeladen werden, andererseits sollte er jedoch beim Hinabsteigen durch die an seinen Seiten in den Vitrinen ausgelegten Waren vom Ausgang abgelenkt werden. Wie K. Lustenberger in seinem Loos-Buch ausführt, teilen die vier mittleren Stützen den Verkaufsraum im Erdgeschoß in neun Quadrate; die ,,mahagoniverkleideten Stützpfeiler und Unterzüge bilden einen markanten Raumraster gegenüber den leichten Einbauten und filigranen Glasvitrinen. Über eine zweiläufige Treppe erreicht man das über dem Verkaufsraum liegende Hauptmezzanin. Über den fremdvermieteten Geschäftslokalen entlang der Herrengasse und der Kohlgasse sind sogar zwei Mezzaningeschoße eingefügt – beide sind über kurze Treppenläufe vom Hauptmezzanin aus zu erreichen und dienten als Stofflager und Arbeitsräume (Hemdenwerkstätte, Schneiderei und Bügelsaal). Über dem Eingang befindet sich ein Empfangsraum auf dem Niveau des oberen Mezzanins. Im Zentrum des Mezzanins liegt die durch Gitter abgetrennte Koje für Buchhaltung und Kassa, über wenige Stufen erreicht man das Niveau des Wartesalons. Im Hauptmezzanin befanden sich die seitlichen Umkleidekabinen. Das Dachgeschoß war von der Lehrwerkstätte und der privaten Fachschule belegt. Die Vertikalverbindungen schaffte Loos durch zwei Treppenhäuser und zwei Fahrstuhlschächte, sowie durch neun mehr oder weniger lange interne Treppen, die nur zum Begehen der einzelnen Mezzaninniveaus dienen."

Die Einrichtung selbst bietet laut B. Rukschcio eine ,,Symbiose von praktischen und ästhetisch ansprechenden Lösungen": Jeder ,,noch so kleine Raumwinkel" sei optimal ausgenutzt, gleichzeitig umgäben den Kunden jedoch ,,Wohnatmosphäre sowie englische Behaglichkeit und Gediegenheit". Betrachtet man die innere Konzeption und Einrichtung der Geschäftsräume, wird der bereits in der Biographie angesprochene angelsächsische Einfluss auf den österreichischen Architekten deutlich: die auf dem Zwischenpodest der Haupttreppe und auf dem Vorplatz zum Empfangsraum platzierten ovalen Vitrinen hat Loos – wie auch das übrige Mobiliar – direkt in England erstanden. Die Einbaumöbel sind von englischen Tischlern in Wien gefertigt. Ebenso geht Loos' Idee vom ,,Raumplan", jedem Raum die ihm angemessene Höhe zuzuordnen eindeutig auf frühere Entwicklungen in England und den USA zurück. Das komplexe Raumgefüge des Looshauses mit Eingangshalle über die gesamte Sockelhöhe, Verkaufsraum und Hauptmezzanin als zweigeschossigen Bereich und mit der dreigeschossigen Einteilung des Sockelbereichs entlang der Seitenfassaden bildet die früheste Realisierung des ,,Raumplans". Adolf Loos sagt selbst in einem Vergleich mit den Entwürfen seiner Konkurrenten: ,,Es war interessant, die Pläne der anderen Architekten mit den meinen zu vergleichen. [...] Die Grundrisse [...] waren alle in der Fläche gelöst, während meiner Meinung nach der Architekt im Raume, im Kubus, zu denken hat. Dadurch war ich schon in der Raumökonomie im Vorteil. Ein Wasserklosett braucht nicht so hoch sein wie ein Saal. Gibt man jedem Raume nur die Höhe, die ihm seiner Natur nach zukommt, kann man ökonomischer bauen."

,,Die bemerkenswerte Klarheit der Inneneinrichtung des Mezzanins, die trotz der zahlreichen Niveauunterschiede herrscht, wird" - so stellen Rukschcio/Schachel fest – ,,durch eine regelmäßige Wiederholung der mahagoniverkleideten Pfeiler und der Deckenunterzüge gebildet, die einen gleichförmigen, alles überspannenden Raster formen. Messinggitter akzentuieren zudem die mit einem Spannfilz belegten Gehzonen. Japanisch anmutende, leichte Trennwände schließen den Kundenbereich von den Arbeitsräumen ab. In den Arbeitsräumen hat natürlich die Zweckmäßigkeit Vorrang vor der Ästhetik: Sichtbeton und eiserne Schiffs-xReling statt Holzverkleidung und Messinggitter. Raumhöhe, drehbare Fenster garantieren eine gute Belichtung. Die Zuschneidetische sind in der Form den ausschwingenden bay-windows angepasst, damit auch der Nischenraum genutzt werden kann. Ebenso ist auch das Dachgeschoß nach streng raumökonomischen Maßstäben ausgebaut: Schräge Dachflächenfenster und waagrechte Oberlichter lassen das für den Lehrbetrieb nötige Licht herein."

Hinsichtlich der Materialverwendung erläutern Czech/Mistelbauer: ,,Der Fußboden im Hauseingang und in der Säulenhalle ist aus gewolktem, weißem Carraramarmor, zum Teil mit eingelegten Cipollinostreifen. Das Stiegenhaus ist in den unteren Geschossen zur Gänze mit scheckigem Skyrosmarmor, in den oberen Geschoßen bis über Handlaufhöhe wie die Podestfußböden und Türrahmungen mit weißem Carraramarmor verkleidet, darüber verputzt … Das Stiegengeländer, der Handlauf im obersten Geschoss, die Gewändehandläufe, die Glasleisten der Türen und Spiegel, die Geschossbezeichnungen, das Klingelbord im Erdgeschoß und andere Metallteile sind aus Messing. Handläufe und alle Türen sind aus Eiche, rötlich gebeizt und hochglanzlackiert."
Und es hat sich, bis auf die Nutzung durch Eigentümer Raiffeisen als Bankfiliale, am ursprünglichen Erscheinungsbild des Looshauses praktisch nichts geändert – was, nicht zuletzt, auch Raiffeisen zu verdanken ist. Denn die Nutzung des Gebäudes bzw. der Innenräume hat tiefe Spuren hinterlassen – so war die Innenausstattung seit dem Umbau zu einer Verkaufsniederlassung des Autoherstellers Opel während der NS-Zeit praktisch nicht mehr vorhanden und wurde erst mit unvorstellbarem Aufwand von Raiffeisen in jenen Zustand versetzt, der sich heute, zum 100. Geburtstag des "Looshauses", unzähligen Interessierten aus aller Welt bietet: Als Spitzenleistung heimischer Architektur.

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